Kora

 

Kora wurde 1994 als "Anfängerpferd" angeschafft - die Anzeige lautete "Freizeitpferd, Stute, Rappe, DM 3.000,-" - dort angekommen die "übliche Geschichte": "Ich habe gerade gesehen, die hat was am Auge, ich fürchte periodische Augenentzündung, die kann ich Ihnen nicht verkaufen.. Aber ich hab da.." statt des erwarteten "ein anderes Pferd, aber deutlich teurer", "eine andere Stute, aber braun, dafür günstiger", na immerhin. DM 500,- weniger sollte sie kosten - VB..

 

Eine ziemlich magere Stute, das Fell unter einer groben verschlissenen Decke bis auf die Haut abgescheuert, die dünnen Renneisen lose (3 von 4). "Ja, anfängertauglich!" - der ganze Stall voller brauner Traber ohne Abzeichen, so auch sie.

 

Die Stute war erkennbar lieb, ließ an sich herumzuppeln und sich hin- und herschieben oder mit der Wimper zu zucken, wich ruhig und weich. Dennoch hielt sich meine Begeisterung in Grenzen - angeblich vierjährig, von (seinen) Kindern ohne Sattel im Gelände geritten trotz eines sehr (!) ausgeprägten Widerrists, nein, auf der Rennbahn sei sie nie gewesen - ich glaubte kein Wort.. Reiten wollte ich sie - wir waren ja nunmal da. Zur Verfügung stand ein Matschpaddock ungewisser Tiefe (es war Ende Januar, stockdunkel), diverse Meter entfernt am Eingang zum Stall eine Neonröhre, sonst keine Lichtquelle - ich lehnte ab. Das Probereiten sollte also am Folgetag stattfinden. 

 

Auf der Rückfahrt prallten meine Vernunftsargumente gegen die Stute an über 100 kg männlichem Starrsinn ab, ich erklärte mich also bereit, das Tier wirklich zu reiten. Als ich am nächsten Tag aus der Uni kam, war die Stute allerdings schon auf dem Weg in ihr neues Zuhause - anderer Interessent, sonst heute Nachmittag mit anderen Pferden zum Schlachter, jajaaaa...

 

Kora war lieb - erschreckend lieb. Einen aufgenommenen Fuß z.B. hielt sie so lange oben, bis man ihn wieder abstellte, man konnte sich ruhig zwischendurch mehrere Meter entfernen, der Fuß wurde weiter hoch gehalten. Nicht einen Blick wagte sie, sobald sie am Halfter war.. Und vielleicht hatte auch schon jemand drauf gesessen - aber "geritten" ist anders. Das war aber auch zunächst nebensächlich, denn es waren Spaziergänge angesagt. In diesem Punkt war sie tatsächlich 100 % anfängertauglich und das ideale Pferd, um alles rund ums Pferd zu lernen und stundenlang spazieren zu gehen.

 

Ich zeigte ihr, dass man den Kopf auch runter nehmen kann und sie nahm es dankbar an. Ich lernte "Traber rennt, wenn man am Zügel zieht - je stärker der Zug desto schneller der Traber" - warf man die Zügel weg, fiel sie in einen superweichen Schaukelpferdgalopp. Gebisslos ging sie super.

 

Und der Anfänger? Auch sein Weg führte dann (vorübergehend) aufs Pferd. Allerdings hatte er wohl ein paar Wildwestfilme zuviel gesehen. Sein offenkundiges Bestreben, der nächste Marlboro-Werbung-Cowboy zu werden, war gepaart mit dem bereits erwähnten Starrsinn - lernen? Nö wozu? Er wußte es alles besser. Nachdem ein passender Westernsattel gefunden war, liefen vier von vier Reitversuchen (ohne Longe, er ist schließlich ein Mann) so ab:

- Anfänger besteigt Pferd,

- Anfänger sortiert sich und atmet dreimal durch und nimmt leicht die Zügel auf,

- Anfänger wagt einige Schritte im Schritt max. 10 min,

- Anfänger läßt Pferd stehen und beginnt sich auf den entscheidenden Teil der Reiterei vorzubereiten: Das Coolsein. Also Zigaretten aus der Brusttasche, Kippe in den Mundwinkel, weiter gehts,

- Da Männer im Regelfall bekanntermaßen nicht multitaskingfähig sind, kommt früher oder später der entscheidende Fehler: das versehentliche Antreiben zum Trab,

- Traber macht ein paar Trabschritte, es fliegen in lockerer Reihenfolge Zigarette und Anfänger zu Boden,

- Schnauze voll für heute.

 

Im Juli 1997 war er das Genörgel der aktuellen Freundin endgültig leid und sie ging im Ergebnis in mein Eigentum über..

 

Nunja - so kommt man an eine bildhübsche und liebe Traberstute.

 

Nach einer Reitbeteiligung von kurzer Dauer, einem Umzug an einen neuen Wohnort, entschloß ich mich, sie in gute Hände abzugeben - decken lassen wollte ich sie nicht, eine Reitbeteiligung hatte ich auch nicht für sie und "nur zum Rumstehen" war sie dann doch zu schade.